Forderungen

Die jährlichen Veranstaltungen im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) erinnern an jenen ersten großen Aufstand von homosexuellen Menschen, der den Beginn ihrer modernen Emanzipationsbewegung markiert: Während einer Polizei-Razzia in der New Yorker "Stonewall Inn"-Bar, bei der homo- und transsexuelle Menschen inhaftiert werden sollten, widersetzten sich diese. Daraufhin begannen mehrtägige Ausschreitungen, um sich gegen staatlich legitimierte und mit Polizei-Einsatz durchgesetzte Diffamierung, Diskriminierung, Inhaftierung und Ermordung von nicht-heterosexuellen Menschen zur Wehr zu setzen

Trotz vieler kleiner Fortschritte in den vergangen Jahren, erleben homosexuelle Menschen auch heute noch gesetzliche Ungleichbehandlung, so z.B. bei der Einkommenssteuer und der Adoption. Auch können wir es nicht hinnehmen, dass der Bundesrat einer vollständigen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe zustimmen würde, der Bundestag sich dagegen jedoch vehement verweigert.

Mensch sein

Mit dem Motto „Mensch sein“ möchten wir uns gegen jede Form von Schubladendenken aussprechen: Wir alle sind Menschen - es gibt keine Abgrenzungen und niemand soll sich in Kategorien einsortieren müssen. Gleichzeitig unterstreicht es (im Sinne von "menschlich") die klare Ablehnung von rechtsextremen und anderen menschenverachtenden Ideologien.

Der CSD Weimar fordert dazu auf, die Individualität aller Menschen anzuerkennen und daraus keine Besser- oder Schlechterstellung einzelner Gruppen zu begründen.

Vielfalt in Lehr- und Bildungseinrichtungen

Schulen sind ein wichtiger Sozialisationsort: Hier lernen Kinder andere Menschen und Lebensweisen kennen, erwerben Wertevorstellungen und Wissen. Speziell in den Themen Homosexualität, vielfältige Beziehungs- und Familienformen und Geschlechtsidentität kann und sollte die existierende Diversität unserer Gesellschaft abgebildet werden. Nur so können Vorurteile frühzeitig abgebaut und Homo-/Trans*phobie verhindert werden

Durch die auch heute oftmals noch praktizierte Ausblendung oder Marginalisierung queerer Themen fühlen sich nicht-heterosexuelle Jugendliche oft als nicht verstanden und "un-normal". Dies resultiert in einem signifikant erhöhten Selbstmordrisiko junger homosexueller Menschen.

Auch Lehrende müssen an Schulen ein offenes Klima finden, so dass sie zu ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität auch dann stehen könne, wenn diese von der vermeintliche "Norm" abweichen. Nur so können sie authentische Rollen(vor)bilder präsentieren.

Der CSD Weimar fordert, dass

  • die Aus- und Weiterbildung von Lehrenden fundiertes Wissen zur Entkräftung von Vorurteilen vermitteln muss,
  • Aufklärungsprojekte unterstützt und verbindlich für alle Klassen festgeschrieben werden müssen,
  • Arbeitsmaterialien für Schüler_Innen sich an der heutigen Lebenswelt und nicht an tradierten Anschauungen orientieren müssen und
  • Lehrpläne die Themen Homosexualität, Intergeschlechtlichket und Trans* in einer vorurteilsfreien Weise ausführlich behandeln und nicht nur am Rande bzw. in einem negativem Kontext erwähnen oder gar ganz ausblenden.

Anerkennung aller Beziehungs- und Familienformen

Längst sind Beziehungs- und Familienformen jenseits der traditionellen Ehe Alltag - nicht nur unter homosexuellen Menschen. Durch zahlreiche gesetzliche Regelungen erhalten jedoch nur Ehepaare staatliche Förderung (so z.B. im Einkommenssteuer- und Adoptionsrecht, ). Dabei übernehmen Menschen auch in anderen Beziehungsformen Verantwortung füreinander und ziehen z.T. Kinder groß.

Diese gesetzlichen Regelungen sollte sich an der Lebenswirklichkeit orientieren und nicht an einem traditionellen Gerüst wie der Ehe, die heute nur noch zu einem Bruchteil als Lebensrealität bezeichnet werden kann: welche ohnehin längst nicht mehr als Garantie für Kinder gesehen werden kann. Regenbogenfamilien, Familien ohne Trauschein und Alleinerziehende werden aktiv benachteiligt, obwohl diese mit ihren Kindern einen Mehrwert für unsere Gesellschaft schaffen. Deshalb fordern wir, das Ehegattensplitting zu streichen und sprechen uns gegen Steuervergünstigungen für normierte Familien - egal welcher Form – aus.

Der CSD Weimar fordert eine gleichberechtigte Anerkennung aller Beziehungs- und Familienformen, in denen zwei oder mehr Menschen verantwortungsvoll miteinander leben wollen.

Gleichberechtigter Zugang zur Insemination

Die Kosten einer Insemination (auch künstliche Befruchtung genannt), werden von den gesetzlichen Krankenkassen derzeit zu 50% übernommen. Dies aber nur für zwei Versuche und nur für verheiratete und damit heterosexuelle Ehepaare. Alle anderen potentiellen Eltern mit Kinderwunsch müssen den kompletten Inseminationsprozess selbst finanzieren.

Dabei leuchtet ein, dass das Kindeswohl wahrlich nicht vom Trauschein der (heterosexuellen) Eltern abhängt. Auch homosexuelle Paare, Menschen in polyamouröse Beziehungen sowie Alleinstehende können liebevolle Eltern sein, die Verantwortung für Kinder übernehmen wollen und können. Familie ist, wo Kinder liebevoll aufwachsen können.

Der CSD Weimar fordern, dass alle möglichen Formen von Elternschaften gleichberechtigt unterstützt werden und die Elternschaft nicht von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder partnerschaftlicher Konstellation abhängig gemacht wird.

Freie Entscheidung des Geschlechts

Menschen sind vielfältig und einzigartig. Dennoch werden sie binär in eine Welt eingeteilt in der nur weiblich oder männlich existiert. Doch die Realität sieht anders aus - und das nicht nur in gesellschaftlichen Zuschreibungen, sondern auch biologisch. Die Vielfalt dazwischen und daneben ist viel größer als gedacht. Dennoch werden den beiden Geschlechter-Kategorien allgemeingültige Eigenschaften und eindeutige sexuelle Orientierungen zugeschrieben, die als normal gelten. "Abweichungen" hingehen werden pathologisiert: So werden sogenannte Frauen hormonell normalisiert und sogenannten Männern ohne Bartwuchs die gesamte Geschlechtsidentität abgesprochen.

Besonders menschenverachtend sind so genannte "geschlechtsangleichende" Operationen, die bei Neugeborenen und Kleinkindern aus angeblicher medizinischer oder sozialer Notwendigkeit durchgeführt werden, während nur in sehr seltenen Fällen eine wirkliche medizinische Indikation besteht ("Adrenogenitales Syndrom mit Salzverlust" sowie "Blasenekstrophie").

Der CSD Weimar fordert, dass

  • Menschen in ihrer Individualität und Einzigartigkeit wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Menschen müssen selbst über ihre geschlechtliche Identität entscheiden können - geschlechtsangleichende Operationen im (Klein)kindalter, die nicht lebensnotwendig sind, müssen als menschenrechtverachtend eingestuft und verboten werden.
  • die erzwungene Erfassung des Geschlechts in staatlichen Dokument und der geschlechtseindeutige Vornamenszwang abgeschafft werden beides ein Bild von Kategorien verfestigt, dem wir uns nicht anschließen möchten!
  • transsexuellen Menschen ein vorbehaltloser Zugang zu medizinischen Eingriffen ermöglicht wird.

Diskriminierungsfreier Zugang zur Blutspende

Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), werden durch eine gemeinsame Richtlinie der Bundesärztekammer, des Robert-Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich- Institutes als Risikogruppe bei der Übertragung von Blutprodukten eingestuft und damit pauschal von Blutspenden ausgeschlossen. Davon sind u.a. auch Menschen betroffen, die in langjährigen monogamen Beziehungen leben oder seit langer Zeit keine sexuellen Kontakte hatten. Gleichzeitig werden (heterosexuelle) Menschen nicht ausgeschlossen, die erst kürzlich einen mit einem Risiko behafteten Sexualkontakt hatten. Mit dem aktuellen Ausschlusskriterien werden zahlreiche potentielle Blutspender_innen daran gehindert, anderen Menschen zu helfen. Gleichzeitig wird so der lebensbedrohliche Notstand an Blutkonserven – gerade in Sommer- und Urlaubszeiten – verstärkt.

Der CSD Weimar fordert ein Befragung ALLER Blutspender_innen nach ihrem tatsächlichen Risikoverhalten und Sexualgewohnheiten und eine Abkehr von der pauschalen und diskriminierenden Zuordnung aller MSM zu einer Risikogruppe. Nur so kann die Sicherheit von Blutprodukte-Empfänger_innen und gleichzeitig die Zahl der Blutspenden erhöht werden.

Keine religiöse Diskriminierung

Religion und Glaube sind für nicht wenige Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Sie orientieren sich nach in ihnen festgelegten Werten und Normen. In einigen Religionen gelten sexuelle Handlungen, die nicht auf Fortpflanzung abzielen, als sündhaft. Unter anderem hieraus resultieren Ablehnung oder gar Verfolgung von nicht-heterosexuellen Menschen. Ausgeblendet wird hier immer wieder das in den meisten Religionen verankerte Grundmotiv der Nächstenliebe. Auch werden selektiv einzelne Gebote bewusst überbetont, andere hingegen ebenso bewusst ausgeblendet.

Der CSD Weimar fordert, dass kein Mensch aufgrund von (angeblich) religiösen Motiven verfolgt werden soll. Stattdessen sollen alle Menschen wertgeschätzt werden und religiöse Normen immer vor gesellschaftlichen Realitäten betrachtet werden.

Rehabilitierung von homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus

Begründet mit der "Rassenhygiene" wurden homosexuelle Menschen (vor allem Männer) während des Nationalsozialismus verfolgt, in Zuchthäusern sowie als "Rosa-Winkel-Häftlinge" in Konzentrationslagern inhaftiert, gefoltert und für menschenverachtende Experimente missbraucht.

Fast alle der wenigen überlebenden Rosa-Winkel-Häftlingen musste nach nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands rechtliche und soziale Ächtung erfahren. Eine Entschädigung für ihr erlebtes Leid blieb ihnen ebenso verwehrt wie eine breite öffentliche Anerkennung als NS-Opfergruppe.

Daran änderte leider auch eine 2002 vom Deutschen Bundestag versprochene Rehabilitation, der kaum tatsächliche Wiedergutmachungen folgten.

Der CSD Weimar fordert die tatsächliche, längst überfällige Rehabilitation der während des Nationalsozialismus verfolgten homosexuellen Menschen. Sie müssen als Opfergruppe anerkannt werden und ihre menschenrechtverachtende Verfolgung sichtbar gemacht und thematisiert werden.

Rehabilitierung DDR/BRD-Opfer

Auch nach dem zweiten Weltkrieg wurden homosexuelle Menschen nach dem §175 in beiden deutschen Strafgesetzen kriminalisiert. Während die DDR schnell zur Gesetzesfassung vor der nationalsozialistischen Machtergreifung zurückkehrte hielt die BRD zwei Jahrzehnte an der verschärften NS-Fassung fest. Insgesamt wurden so über 50.000 Männer verurteilt.

Obgleich der Paragraph 1994 gestrichen wurde, fehlt eine Rehabilitation oder gar Entschädigung der Opfer der verschiedenen Fassungen.

Der CSD Weimar fordert die Anerkennung als Opfergruppe sowie deren vollumfängliche Rehabilitation und Entschädigung.

Keine Form der Diskriminierung in der Community

 Während sich homosexuelle Menschen in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr Rechte erkämpften, zeigt sich nun zunehmend, dass Vorurteile und Klischees auch in der queeren Community existieren. Schwule grenzen Lesben aus (und umgekehrt), sexistische und rassistische Äußerungen fallen in Gesprächsrunden, Aussehen, Alter und Statussymbole spielen eine immer größer werdende Rolle...

Der CSD Weimar ruft deshalb auch die Community selber auf, Schubladendenken und ausgrenzendes Verhalten abzulegen und Menschen offen und vorurteilsfrei zu begegnen. Denn ALLE Menschen sind gleich an Rechten und Würde.

Unabhängige, umfassende Antidiskriminierungsarbeit

Menschen, die wie auch immer geartete Diskriminierungserfahrungen erlebt haben, brauchen Beratungs- und Unterstützungsangebote. Damit diese wirkungsvoll arbeiten können, müssen sie unabhängig arbeiten können und nicht nur Einzelaspekte bearbeiten.

Leider sind viele Thüringer Antidiskriminierungsstellen zunächst nur auf die Gleichstellung von Frauen und Männern ausgerichtet und arbeiten nicht unabhängig.

Der CSD Weimar fordert die flächendeckende Einrichtung unabhängiger Antidiskriminierungsstellen, die sich allen Diskriminierungsfeldern zuwenden bzw. mit konkrete Ansprechpartner_innen zusammenarbeiten.